Geistiger Duennschiss - fein portioniert!

Verkehr

Die Zugfahrt

Da ich einerseits umweltbewusst und andererseits sparsam bin, entschied ich mich bei der Reise von Graz nach Köln diesmal für die Bahn.
Abfahrt: 10:26 Uhr, Ankunft: 21:16 Uhr. Finde ich nicht mal schlimm, wenn man die Gesamtzeit und den Stress bei einem Flug berücksichtigt.
Da müsste man erstmal über zwei Stunden zum Flughafen Wien fahren, dort sehr, sehr rechtzeitig vor Ort sein – beim letzten Flug musste ich fast ebenfalls zwei Stunden am Schalter anstehen, da kein Online-Check-In möglich war, weil ja auf 3G (getestet, geimpft, genesen) kontrolliert wurde. Dann noch 30 Minuten fürs Boarding einrechnen und nach einem Flug von ca. 90 Minuten kommt noch die Abreise vom Flughafen dazu. Viel unter sieben Stunden bleibt man nicht, wenn alles durchgetaktet ist.

So stieg ich mit downgeloadeten Netflix-Filmen und einer Herrenhandtasche aus Murau in den RJ256 aus Graz nach Berlin-Charlottenburg.
Ich wusste, dass ich in Wien-Meidling 15 Minuten Zeit habe, um in den ICE nach Hamburg-Altona zu kommen.
Als pünktlich um 10:26 Uhr die Durchsage kam, dass sich der Herr ohne Reservierung mit seinem Fahrrad aus dem Zug schleichen soll, ansonsten passiert irgendwas, erinnerte ich mich an eine ähnliche Szene, als der S-Bahn-Fahrer wirklich minutenlang nicht weiterfuhr, bis die Situation geklärt war.
Zum Glück rollte der Zug dann um 10:28 Uhr los und mein Nervenkostüm war wieder entspannt.

Clevere Leute vergleichen vorab beim Buchen/Reservieren die Preise von 1. und 2. Klasse und stellen fest, dass es fast keinen Unterschied gibt.
Somit saß ich mal alleine in Klasse eins und beobachtete dann eine blonde Jungmutti mit ihren drei Gschroppen zwischen ca. 2 und 7 Jahren, die sich schräg vor mich auf den Vierer setzte. „Halleluja“ dachte ich, aber die waren dann doch recht brav.
Die Kleinste pennte irgendwann auf der Mama wie ein Frosch und die anderen waren auch ruhig. Obwohl die Mutti zu Beginn der Fahrt irgendwas davon gefaselt hatte, dass man sich das iPad verdienen müsse und sie es in der letzten Woche verschissen hätten.

Egal, wir waren also unterwegs und ich goss mir das erste Murauer ins Gesicht. Dazu wurde mit „Once uopn a time… in Hollywood“ begonnen. Schräger Tarantino-Scheiß. War nicht schlecht, mal was anderes, aber definitiv nicht sein stärkster Film.

Zwischenzeitlich bekam ich Hunger, da ich ja im Normalfall nichts frühstücke. Somit erstand ich zwei Leberkässemmeln mit Senf um wohlfeile 4,30 Euro. PRO STÜCK! Die spinnen doch völlig.

Auf der Fahrplan-App schaute ich immer, ob alles im Plan wäre bzw. wunderte mich da über den Zusatz „außergewöhnlich hohe Auslastung“ beim Zug ab Wien.

Pünktlich in Wien angekommen wechselte ich den Bahnsteig und wartete auf den ebenso pünktlichen ICE 90.

Als ich einstieg, musste ich unweigerlich an die überfüllten Flüchtlingsboote denken. Komplett überfüllt alles bzw. quetschen sich die Leute von vorne nach hinten und umgekehrt, um irgendwo einen freien Sitzplatz zu ergattern.

Dazu muss noch angemerkt werden, dass in meiner Buchung zwar auch Sitzplatzreservierungen beinhaltet waren, allerdings nicht für diesen Zug. Somit war es mir auch egal, in welchem Waggon ich mich befand und setzte mich direkt an der Tür auf den Boden, packte ein Bier aus und glotzte den Tarantino weiter. Ist mir ja wurscht, wo ich sitze. Als pflegeleicht würde ich das/mich bezeichnen.

Nach ca. 30 Minuten kam es zur Fahrkartenkontrolle und ich zeigte der Tante meinen Ausdruck. Grade wollte ich ihn zurücknehmen, da bemerkte sie etwas…

„SIE HABEN JA ERSTE KLASSE GEBUCHT“, kreischte sie. „WAS SITZEN SIE DENN HIER AM BODEN???“
Ich blieb ruhig und meinte, dass mir das doch blunzn wäre und ich mich sicher nicht durch die vollen Waggons zwänge um irgendwo einen freien Platz zu suchen.
Doch Frau ÖBB blieb resolut: „SIE HABEN DOCH FÜR ERSTE KLASSE BEZAHLT, DA BRAUCHEN SIE DOCH NICHT HIER AM BODEN SITZEN!“

Alter, sowas brauch ich wie warmes Bier… Ich versuchte sie nochmals zu beruhigen – die Leute aus dem Waggon glotzten sich mittlerweile diese Diskussion an – aber ich hatte keine Chance.
Als sie noch ihren Kollegen anfunkte, der grade in der ersten Klasse kontrollierte und durchs Walkie Talkie nochmals brüllte, dass sie einen Fahrgast hätte, der erste Klasse, Boden, blabla… gab ich auf und schleppte dann mich und meine drei Taschen durch ebenso viele Waggons plus Bordbistro in einen Wagen der – richtig – ersten Klasse und durfte dort auf einem Schwerbehindertensitzplatz sitzen, weil sonst auch nix mehr frei war.
Gegenüber von mir saß bereits ein junger Typ – ebenfalls auf einem Platz für beeinträchtigte Menschen – der pennte aber die meiste Zeit. Ich denke, den dürfte der Zugbegleiter auch dort hingepackt haben, es war ja alles voll.

Gut, ich schau den Film weiter, kommt plötzlich der Typ aus dem Bordbistro durch den Wagen und versucht seine Ware an den Mann und das Weib zu bringen: „Warmer Kaffee, warmer Cappuccino, warmes Wasser, warmes Cola, warmes Bier,…“

„Spinnen echt alle hier?“, dachte ich, bis mir einfiel, dass es draußen ja über 30 Grad hat und die bestimmt in der Pause bzw. vor Dienstbeginn einen Sonnenstich bekommen hätten. Unglaublich.

Dann kam es in Passau zu folgendem Zwischenfall: Ein älterer Mann stieg zu und ging schon mal resolut durch den Waggon ständig den Blick wechselnd von seinem Ticket und den Platznummern über den Sitzen. Ich merkte direkt, dass irgendwas gleich kommen wird.
Plötzlich steht er neben mir schaut nach oben und sagt zum Typen mir gegenüber: „Haben Sie Platz 22 reserviert? Ich habe nämlich Platz 22! Sie sitzen auf meinem Platz!“
Hätte durchaus freundlicher sein können, aber gut.
Ich denk mir da: „Wie kann man einen Schwerbehindertensitzplatz reservieren, wenn man es offensichtlich nicht ist? Ob der im falschen Waggon ist?“
Der junge Typ machte diskussionslos Platz und fand drei oder vier Reihen weiter einen freien Platz.

Ich weiß jetzt nicht mehr was der Auslöser war, aber der alte Kerl kam nach ein, zwei Stunden dann von selbst drauf, dass er in Waggon 29 Platz 22 reserviert hatte und auf Platz 22 in Waggon 28 saß.
Er quittierte es mit einem Lachen zu mir und meinte, dass er den armen Jungen dann ja gar nicht verscheuchen hätte müsse.
Naja, der war mir vom ersten Moment an nicht sympathisch und ich werde ihn auch wohl nie wieder sehen.

In Nürnberg stieg ich dann ein letztes Mal um, besorgte mir bei Ditsch noch zwei Diavolo-Schiffchen, weil ich mal ein neues Odeur der Bierrülpser in meiner Maske haben wollte. Da gegenüber ein Kiosk war und der Murauervorrat auch erschöpft, gönnte ich mir noch drei Augustiner.

Die restliche Fahrt war unspektakulär, im ICE 528 nach Dortmund schaute ich noch „Raum“ und kam in der Tat pünktlich in Köln an.

Ich muss sagen, die Zeit verfuhr (bin ja nicht geflogen). Und spaßiger als sonst war es auch irgendwie.

Mal sehen, wann ich wieder so eine Strecke in Angriff nehme.

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